Rückblick auf die akademischen Vorträge zum Thema Handwerksgeist
Der akademische Vortrag zum Thema „Handwerksgeist – Tradition und Innovation der deutschen Fertigungsindustrie“, veranstaltet vom Gesellschaft für immaterielles Kulturerbe und angewandte Gestaltung, wurde am 28. April erfolgreich abgeschlossen.
Die Veranstaltung wurde von der Fakultät für Kunst und Design der Beijing Institute of Fashion Technology organisiert und vom Chinese Acedemy of Lifestyle Design umgesetzt. Im Mittelpunkt stand das Thema „Von der Dampfmaschine zur künstlichen Intelligenz — ein Jahrhundert Resonanz zwischen Design, Technologie und Lebensweise“. Dabei wurde eingehend untersucht, wie technologische Veränderungen kontinuierlich die Lebensweisen und Wertesysteme der Menschheit neu gestalten.

Den Auftakt machte die Vertreterin der GIKG, Ting Zhang, mit einem Grundsatzvortrag. Ausgehend von der weitreichenden Anwendung der Dampfmaschine, die die zuvor geschlossenen und statischen Grenzen des Lebens aufbrach, erläuterte sie systematisch die Entstehungslogik von Konsumbedürfnissen im Prozess der Industrialisierung und Urbanisierung. Sie wies darauf hin, dass die Entwicklung von Fernverkehrsmitteln vielfältige Anforderungen in Geschäfts- und Freizeitreisen erfüllte, während der Aufstieg freizeitorientierter Lebensstile traditionelle Arbeitsräume neu definierte. Gleichzeitig hätten das Erwachen des weiblichen Bewusstseins und Innovationen in der Materialgestaltung gemeinsam den gesellschaftlich-kulturellen Wandel vorangetrieben. Auch die Innovation und Verbreitung von Medien zur Aufzeichnung, Darstellung und Kommunikation hätten nicht nur den ästhetischen Mainstream verändert, sondern neue Lebensweisen hervorgebracht. Besonders hob sie die bedeutende Rolle Kölns während der europäischen Industriellen Revolution im Bereich Markenschutz und geistiges Eigentum hervor. Der Vortrag beleuchtete darüber hinaus tiefgehend den Wandel der Zielgruppen von Kunst und Design im historischen Kontext sowie die zugrunde liegenden Mechanismen der Wertschöpfung und Demokratisierung kulturellen Konsums und zeigte eindrucksvoll die Wechselwirkungen zwischen Technologie, Design und Lebensstil auf.
Ting Zhang betonte zudem, dass im Kontext der vierten industriellen Revolution die künstliche Intelligenz als zentrales Werkzeug zur Informationsgewinnung und Wertschöpfung nicht nur räumliche und zeitliche Grenzen überwindet, sondern auch die Grenzen von Sprache und Vorstellungskraft erweitert. Dadurch eröffnen sich neue Möglichkeiten, menschenzentrierte Lebensweisen neu zu denken. Gleichzeitig führe der Wandel der Bewertungsmaßstäbe durch technologische Revolutionen dazu, dass Designer ihre Rolle neu definieren müssen: nicht länger lediglich als Ausführende industrieller Produktionsprozesse, sondern als Gestalter und Impulsgeber für Lebensweisen. Durch die Weitergabe kultureller Gene, das Verständnis menschlicher Emotionen und die Vorstellungskraft für die Zukunft sollten sie aktiv an der Entwicklung eines stärker humanistisch geprägten Designs mitwirken. Abschließend ermutigte sie die Studierenden, sich aktiv an interkulturellem Austausch und kooperativen Projekten zu beteiligen, um zur nachhaltigen Entwicklung der Gesellschaft beizutragen.

Im Anschluss präsentierten Frau Sandra Tesar und Frau Olga Yakavenka als Vertreterinnen des „Hidden Champions“ H&M Gutberlet aus dem Bereich der Herstellung und Entwicklung von Füllfederhaltern eine Auswahl klassischer Exponate aus dem Nürnberger Füllfederhalter-Museum, die vom späten 19. bis frühen 20. Jahrhundert stammen. Diese wurden vergleichend mit modernen Weiterentwicklungen gezeigt und veranschaulichten eindrucksvoll die enge Verbindung zwischen deutschem Design und alltäglichen Lebensweisen. Der Unternehmensgründer und CEO, Michael Gutberlet, selbst Ingenieur, vermittelte zudem in einem Videobeitrag seine Leidenschaft und sein Festhalten an traditionellen handwerklichen Herstellungsprozessen. Das Unternehmen entwickelt nicht nur Schreibgeräte für zahlreiche europäische Premiummarken, sondern ist auch Partner bei Olympischen Spielen sowie Projekten der Vereinten Nationen.
Aus historischer Perspektive ist die Entstehung moderner deutscher Füllfederhalter eng mit der Industrialisierung verknüpft. Mit dem Fortschreiten der Industriellen Revolution stieg der Bedarf an effizienten Schreibwerkzeugen in Fabrikmanagement, Handel und Verwaltung stark an, während traditionelle Federkiele den Anforderungen an Geschwindigkeit und Stabilität nicht mehr gerecht wurden. Gleichzeitig schufen Fortschritte in der Stahlverarbeitung die Grundlage für eine kostengünstigere und skalierbare Produktion von Füllfederhaltern. H&M Gutberlet engagiert sich nicht nur für die Bewahrung und Innovation traditioneller Schreibgeräte, sondern auch aktiv im sozialen und kulturellen Bereich, um deren Bedeutung als kulturelles Medium weiterzuführen.
Frau Tesar betonte, dass unabhängig vom technologischen Wandel die Zusammenarbeit von Hand und Gehirn die einzigartige Rolle von Schreibwerkzeugen im Lern- und Erinnerungsprozess weiterhin unersetzlich macht. Sie analysierte die Bedeutung des Füllfederhalters in der deutschen Moderne aus historischer, technologischer und gesellschaftlicher Perspektive und stellte fest, dass die Rückkehr zum Schreiben mit dem Füllfederhalter in einer zunehmend digitalisierten Welt auch eine bewusste Reflexion und Neuwahl des Lebensstils darstellt. Dies zeige sich sowohl in der Rückkehr zu retro-inspirierten Designs als auch im Streben nach einem Gleichgewicht zwischen digitaler und physischer Welt.

Im anschließenden Themenforum zum „Handwerksgeist“ erläuterte Shane Zhang, Postdoktorand an der UiT The Arctic University of Norway und Mitgründer von Taiji International Plattform (TPI), anhand eines Vergleichs zwischen Deutschland und Frankreich die zentralen Mechanismen, die zur Verankerung des Handwerksgeistes beitragen. Er führte aus, dass Deutschlands Erfolg nicht auf angeborenen Vorteilen beruhe, sondern auf einem systematischen Zusammenspiel von Institutionen, Industrie und Kultur. Das duale Ausbildungssystem sichere durch institutionelle Einbindung die aktive Beteiligung von Unternehmen an der Fachkräfteausbildung, während Auszubildende von klaren Karrierewegen und hoher Beschäftigungsquote profitieren. Gleichzeitig verleihe die protestantische Ethik der Arbeit einen hohen gesellschaftlichen Wert, und traditionelle Zünfte sichern Qualitätsstandards, wodurch Fachkräfte breite gesellschaftliche Anerkennung genießen. Infolgedessen bleibe der Anteil der Industrieproduktion in Deutschland konstant hoch, während zahlreiche „Hidden Champions“ in spezialisierten Nischen tätig sind.
In der abschließenden Diskussionsrunde stellten Studierende und Lehrende zahlreiche tiefgehende Fragen, insbesondere zu konkreten Beispielen im Füllfederhalterdesign. Frau Zhao Yi, Dozentin im Bereich Schmuckdesign, betonte, dass China im Kontext der vierten industriellen Revolution inzwischen eine führende Rolle einnehme und es keine Vorbilder aus der West mehr gebe, an denen man sich orientieren könne – zukünftige Entwicklungen müssten eigenständig erforscht werden. Zum Abschluss der Veranstaltung überreichten die deutschen Gäste symbolische schwarz-weiße Füllfederhalter im Taiji-Design als Erinnerungsgeschenk, das die Bedeutung von Ausgleich und gegenseitiger Ergänzung verdeutlicht.
Pro. Dr. Chen Xiaohua, Dekan des Chinese Academy of Lifestyle Design, erklärte in seiner einleitenden Moderation: „Handwerkskunst ist die Verdichtung von Zeit und zugleich die Weitergabe von Kultur. Der intensive Austausch über den deutschen Handwerksgeist hilft uns, die tiefere Logik zwischen technischer Rationalität und humanistischen Werten im Design besser zu verstehen.“ Angesichts der beschleunigten Globalisierung und Digitalisierung stelle sich zunehmend die Frage, wie technischer Fortschritt mit humanistischen Werten in Einklang gebracht und kulturelle Wurzeln im Innovationsprozess bewahrt werden können. Dies sei nicht nur eine Herausforderung für Designer, sondern auch eine grundlegende Fragestellung für die zukünftige gesellschaftliche Entwicklung.
Die Veranstaltung verband historische Tiefe mit einer aktuellen Perspektive und zeichnete die komplexen Wechselwirkungen zwischen Technologie, Design und Lebensweise von der Dampfmaschinenära bis zur Ära der künstlichen Intelligenz nach. Sowohl die durch die Industrielle Revolution ausgelösten gesellschaftlichen Umbrüche als auch die gegenwärtigen Veränderungen durch künstliche Intelligenz zeigen, dass Design nicht nur Ausdruck von Technologie ist, sondern eine zentrale Manifestation menschlicher Lebensweise und kulturellen Verständnisses.