Vortrag

Wir müssen die Werte unserer modernen Lebensweise neu gestalten – Technologie soll dem Menschen dienen, nicht ihn beherrschen.

Tai Chi ohne Grenzen: Chen Xiaohua, Dekan des Chinesischen Forschungsinstituts für modernes Lebensstildesign

Sehr geehrte Gäste, liebe Freundinnen und Freunde,

es ist mir eine große Ehre, an dieser Austauschkonferenz zum Thema „Tai Chi ohne Grenzen – Globale Harmonie“teilzunehmen und gemeinsam mit Ihnen über den zeitgenössischen Wert der Tai-Chi-Philosophie zu reflektieren. Heute möchte ich zum Thema „Tai-Chi-Philosophie und Gestaltung einer gesunden Lebensweise“ sprechen und dabei aus historischer und zukunftsorientierter Perspektive erörtern, wie sich die Tai-Chi-Gedanken auf materieller und geistiger Ebene manifestieren und welche richtungsweisende Bedeutung sie für das heutige chinesische Lebensdesign haben.

Im Kern beruht die Tai-Chi-Philosophie auf den Prinzipien „Gleichgewicht von Yin und Yang“, „Einheit von Himmel und Mensch“ und „Wechselspiel von Bewegung und Ruhe“. Tai Chi ist nicht nur eine Kampfkunst, sondern eine tief in der chinesischen Kultur verwurzelte Weltanschauung und Lebensweise, die Harmonie, Inklusion und dynamisches Gleichgewicht betont. Diese Gedanken haben die traditionelle chinesische Lebensgestaltung nachhaltig geprägt und entfalten im Wandel der Zeit stets neue Lebenskraft.

In der agrarischen und handwerklichen Epoche verschmolzen Materielles und Spirituelles auf natürliche Weise. Das alltägliche Leben war durchdrungen von Tai-Chi-Weisheit – das materielle Schaffen und die geistige Suche standen in enger Einheit. Produkte und Lebensformen spiegelten unmittelbar das Prinzip des Yin-Yang-Gleichgewichts wider. Das Leben auf dem Land, die poetische Gelassenheit – sie waren lebendige Ausdrucksformen dieses Denkens.

Mit dem Eintritt in das Zeitalter der mechanischen Industrialisierung – der Dampfmaschine und der standardisierten Fließbänder – wurde der Mensch zunehmend zu einem Zahnrad im Getriebe der Maschine. Während die materielle Lebensgrundlage wuchs, entstanden körperliche „Berufskrankheiten“: repetitive Arbeit führte zu Muskel- und Skeletterkrankungen, Lärm und Umweltbelastung zu Atemwegs- und Hörschäden. Das Lebenstempo wurde streng durch den Rhythmus der Maschinen bestimmt. Die „Mechanisierung des Menschen“ brachte Monotonie, geistige Abstumpfung, Verlust von Kreativität und Entfremdung.

Im elektrifizierten Industriezeitalter beschleunigten sich Arbeits- und Lebensrhythmen weiter. Ein „statischer Lebensstil“ verbreitete sich – sitzende Bürotätigkeit, Autofahren, Bewegungsmangel – wodurch Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Leiden, Fettleibigkeit und Diabetes zunahmen. Der Konsumismus, angetrieben durch Werbung und Medien, ließ den Menschen vom „Produzenten“ zum „Konsumenten“ werden. Zeitdruck und Wettbewerbsstress nahmen zu.

Im Internetzeitalter traten neue „Volkskrankheiten“ auf: „Handy-Nacken“, „Maus-Arm“ und Schlafmangel durch Dauervernetzung. Elektromagnetische Strahlung, Blaulichtbelastung, Informationsüberflutung und fragmentierte Aufmerksamkeit führten zu geistiger Erschöpfung. Ständige Multitasking-Anforderungen senkten die Konzentrationsfähigkeit und steigerten das Angstgefühl. Soziale Medien erzeugten Vergleichsstress und Cybermobbing; echte soziale Begegnungen wurden durch virtuelle ersetzt – die Einsamkeit wuchs.

Wie aber wird sich dies im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz entwickeln?

Ein Blick in die chinesische Geschichte zeigt, dass traditionelle Gestaltung und Lebensweise stets von Tai-Chi-Weisheit durchdrungen waren. Die Landwirtschaft folgte dem Rhythmus der Jahreszeiten, das Handwerk betonte die „Meisterhand“ und das Streben nach einer Einheit von Mensch und Werk. In Festen, Bräuchen, Kalligraphie, Musik und Kunst wurde die Wandlung der Natur erlebt und innere Harmonie gesucht. Materielle Güter waren dabei nie nur funktional, sondern Träger geistiger und emotionaler Werte.

  1. Raumgestaltung: Tai Chi betont das Wechselspiel von „Sein und Nichtsein“, von „Fülle und Leere“. Ein Beispiel sind die Suzhou-Gärten, Sinnbild der „Einheit von Himmel und Mensch“. Durch das Prinzip „Raum in Bewegung“ und „Blickwechsel durch Schrittbewegung“ entsteht ein fließendes, atmendes Raumgefühl, in dem Natur, Architektur und Kultur zu einer harmonischen Lebensumgebung verschmelzen.
  2. Produktgestaltung: Sie strebt ein Gleichgewicht von Material, Form und Bedeutung an – eine Einheit von Funktion und Ästhetik. Die Möbel der Ming-Dynastie etwa zeigen fließende Linien, klare Struktur und eine subtile, zurückhaltende Schönheit – ein perfektes Gleichgewicht von Nützlichkeit (Yang) und Kunst (Yin).
  3. Zeitgestaltung: Tai Chi lehrt ein Leben im Rhythmus – mit Spannkraft und Ruhe, mit Maß und Harmonie. Aktivitäten wie Teezeremonie, Räucherwerk, Blumenstecken oder Kalligraphie verkörpern die „Langsamkeit in der Schnelligkeit“. Der Lebensrhythmus folgt dem Wandel der Natur – Frühling, Sommer, Herbst, Winter – und fördert durch ruhige, konzentrierte Handlungen innere Balance.
  4. Körperlich-geistige Gesundheit: Tai Chi strebt die Pflege von Körper und Geist gleichermaßen an. Durch das Zusammenspiel von äußerer Bewegung und innerer Energie („Qi“) wird Harmonie zwischen Körper und Seele erreicht – ein Zustand von Ruhe in Bewegung. Auch die Ernährung nach der traditionellen chinesischen Medizin zielt auf das Gleichgewicht von Yin und Yang.

Die Wurzel der genannten Probleme liegt nicht in der Technologie selbst, sondern in unserer Haltung gegenüber ihr. Wir müssen die Werte unserer modernen Lebensweise neu gestalten – Technologie soll dem Menschen dienen, nicht ihn beherrschen. Die Tai-Chi-Prinzipien von „Yin-Yang-Gleichgewicht“, „Einheit von Himmel und Mensch“ und „menschlicher Selbstbestimmung“ weisen den Weg vom technikzentrierten Denken hin zu einem menschenzentrierten Denken.

Technologie ist eine mächtige „Yang“-Kraft (aktiv, dynamisch), doch sie muss durch die Weisheit und Werte des Menschen – das „Yin“ (ruhig, gestaltend) – gelenkt werden.

Wie also kann Technologie wieder zum Werkzeug eines gesunden Lebens werden? Die Geschichte zeigt: Wenn technische Entwicklung ohne ethische Orientierung verläuft, entfremdet sie uns und gefährdet unsere Gesundheit. Im Zeitalter der Intelligenz müssen wir daher bewusst handeln und aktive Gesundheit anstreben:

  1. Gestaltung soll Werte neu definieren: Nicht „mehr und schneller“, sondern „glücklicher und gesünder“.
  2. Mensch-Technik-Koexistenz: Technologie soll befähigen, nicht ersetzen. KI und Algorithmen sollen helfen, Entscheidungen zu verstehen, nicht sie übernehmen.
  3. Emotionale Gestaltung: Förderung „ruhiger Technologie“ – Technik, die nur dann präsent ist, wenn sie gebraucht wird, und sonst in den Hintergrund tritt.
  4. Wiederherstellung physischer Verbindung: Rückkehr zu realen Erlebnissen – Technologien, die echte Begegnungen und Naturerfahrungen fördern.

Ich möchte Sie alle ermutigen, eine „Tai-Chi-artige Lebensweise“ zu beginnen – ein Leben im dynamischen Gleichgewicht:

  1. Balance von Reduktion und Bereicherung: Minimalismus bedeutet nicht Verzicht, sondern Raum für das Wesentliche.
  2. Schaffung von Übergangsräumen: Zwischen Arbeit und Familie – als mentale und emotionale Pufferzonen.
  3. Akzeptanz des Unvollkommenen: Tai Chi lehrt, Wandel und Unvollkommenheit anzunehmen. Materialien, die altern oder Patina entwickeln, zeigen die Spuren des Lebens.
  4. Pflege einer „langsamen Leidenschaft“: Eine Tätigkeit, die Geduld und Achtsamkeit erfordert – etwa Tai Chi selbst.

Unter der Perspektive der Tai-Chi-Philosophie strebt das chinesische Lebensdesign letztlich nach einer „harmonischen Vitalität“ – einem Zustand, der in Veränderung Stabilität sucht, in Gegensätzen Einheit, in Hektik Ruhe.

Wir sollen die mächtige „Yang“-Kraft der intelligenten Technologie nutzen, um die fundamentale „Yin“-Basis – die körperliche und seelische Gesundheit des Menschen – zu nähren und zu schützen.

Tai Chi lehrt uns, keine Extreme zu wählen, sondern Yin und Yang – alle Elemente des Lebens – flexibel zu balancieren. So entsteht eine runde, nachhaltige und innerlich erfüllte Lebensform – ein glückliches, harmonisches Leben, das nicht nur chinesische Weisheit verkörpert, sondern auch die Welt von morgen inspirieren kann.

01.10.2025  Beijing Olympia Museum

Über Redner Dr. Chen, Xiaohua 

Dekan an der Chinese Academy of Lifestyle Design von der Beijing Institute of Fashion Technology

Ausbildung

Bachelor- und Masterabschlüsse in Industriedesign an der Fakultät für Industriedesign der Universität Hunan, Master of Arts in Design;

Promotion in Design an der Akademie der Fine Art an der Tsinghua-Universität.

Projekte  ( Ausgewählte):

Forschungsprojekte: Digitale öffentliche Serviceplattform für das kulturelle Erbe der ethnischen Trachten in Guangxi und Demonstrationsprojekt für die Anwendung in der Kulturtourismusbranche

sowie deren Unterprojekte „Entwicklung von Metadatenstandards und charakteristischen Ressourcenbibliotheken für das kulturelle Erbe der ethnischen Trachten in Guangxi“ und „Digitale Erfahrung und Anwendung des Kulturtourismus der ethnischen Trachten in Guangxi“, Projekte des Nationalen Wissenschafts- und Technologieförderungsprogramms des Ministeriums für Wissenschaft und Technologie, 2013–2016;

Beratung zu Schutzkleidung und Logodesign für Rettungskommandos, Projekt Nationales Notfall-Rettungskommandozentrum für Sicherheitsproduktion (2016);

Forschung zur Anwendung traditioneller Kunst und Handwerkskunst auf der Grundlage von Lebensstilinnovationen, Projekt der städtischen Bildungskommission von Peking zur Förderung der Talentförderung (junge Talente), 2015–2017;

Entwicklung einer öffentlichen Serviceplattform für charakteristische Ressourcen für ethnische Trachten in Guangxi, Wissenschafts- und Technologieprojekt Guangxi (2016–2014).